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Ich habe zusammen mit Rolf Vrolijk die Werft der Alinghi 5 besucht

von Quentin Mayerat

Donnerstag, 2. Juli, Industriegebiet von Villeneuve. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, den Katamaran Alinghi 5 mit eigenen Augen zu sehen und dazu noch von den fachmännischen Erläuterungen seines Hauptdesigners Rolf Vrolijik zu profitieren! Ich teile dieses Privileg mit zwei Journalisten der Tagespresse. Wir betreten das gigantische Zelt (40×30 m), das inzwischen abgebaut wurde. Die Konstrukteure wissen, dass der Countdown bereits angelaufen ist und die Einwasserung kurz bevorsteht. Sie haben kaum Zeit, den Kopf zu heben und quittieren unser ungläubiges Staunen nur mit einem knappen Lächeln. Etwas weiter hinten steht Alain Gautier über die Risse gebeugt und vermisst das hintere Verbindungsstück. Knapp 25 Meter liegen zwischen ihm und dem vorderen Verbindungsstück. Der französische Skipper ist im Design Team von Alinghi neben Nigel Iren als Consultant tätig. Beeindruckt kommentiert er den hier betriebenen Personalaufwand: „An Hochsee-Mehrrümpfern arbeiten vielleicht drei bis vier Leute im Design Team und bei Projekten wie der Kingfisher rund zehn. Hier sind wir fünfzehn bis zwanzig! Hinzu kommen die entsprechenden Mittel und die gebündelte Intelligenz.“ Und worin genau besteht seine Aufgabe? „Alinghi wandte sich zum Beispiel für den Mast oder die Position der Schwerter an mich. Meine Ratschläge werden genauso wie das Feedback der anderen Beteiligten berücksichtigt.“

Zwischen den beiden Rümpfen, die fast die ganze Länge des Zeltes einnehmen, ist fünf Meter über dem Boden ein Netz von der Grösse zweier Tennisfelder gespannt. Vorne scheint ein gigantischer Bugspriet, den ich auf rund 20 Meter schätze, die Luft zu durchschneiden. Die Wenden dürften sportlich werden! „Es segelt ein Steuermann pro Rumpf mit“, klärt uns Rolf Vrolijk auf, der unsere Verwirrung wohl erraten hat. Der knapp 60 Meter hohe Mast muss noch montiert werden. Die Alinghi 5 schwimmt zwar noch nicht, doch schon jetzt ist sie ein Boot der Superlative. „Verglichen mit einem Maxi-Hochseekatamaran wiegt die Alinghi 5 halb so viel, das heisst aufgeriggt etwa 20 Tonnen, hat aber eineinhalb mal so viel Segelfläche (Anm.d.Red.: über 1000 m2)“, führt Vrolijk fort. „Das grösste Problem ist die Simulation, da niemand Erfahrung bei Booten dieser Grössenordnung mitbringt.“ Es versteht sich deshalb auch von selbst, dass für die ersten Manöver auf dem Genfersee alle nur erdenklichen Sicherheitsmassnahmen getroffen werden. „Für die erste Woche nach der Einwasserung planen wir sowieso nur statische Tests bei Geschwindigkeit null, erst danach werden wir das Tempo langsam erhöhen.“ Obwohl alle Teile vor ihrem Einbau unzählige Male getestet wurden, wird die Analyse der im gesamten Katamaran verwendeten Glasfasern, die Erkenntnisse über die darauf wirkenden Kräfte liefern soll, jeden Tag viel Zeit in Anspruch nehmen. „Da die Bauvorschriften sehr offen sind, mussten wir die Grenzen und Regeln selbst festlegen und uns dabei nach klaren Zielen hinsichtlich Stabilität und Kräfteverteilung richten. Aus dem Gleichgewichtsmoment haben sich dann die Grösse und das Gewicht der Teile ergeben“, erklärt uns der mehrsprachige Holländer bereitwillig. „Die Alinghi 5 springt schon bei 7-8 Knoten Wind an und ist eher für Genferseebedingungen, das heisst idealerweise 20 Knoten Wind konzipiert. Die Struktur des Binnenseeracers F41 Alinghi, auf dem wir in Valencia viel gesegelt sind, hat uns stark inspiriert. Es stand nicht nur das Tempo im Vordergrund, ebenso wichtig war der Winkel auf Amwindkursen. Das ist auch der Grund, weshalb wir nach einem Ort mit stabilen Wind- und Wetterbedingungen suchen, schliesslich soll es kein Glücksspiel werden, ob diese geballte Energie auch zum Tragen kommt“, fährt Vrolijk fort. Jetzt, da die Alinghi 5 soweit fertig ist, sind die Segler gefragt. Sie müssen die Entscheidungen der Designer gutheissen. Trotzdem ist das Konstruktionsprogramm aber noch nicht abgeschlossen: „Für den Bau haben wir bereits 100’000 Arbeitsstunden investiert, jetzt fertigen wir Ersatzteile an, damit wir je nach den Testergebnissen auf dem Wasser schnell reagieren können. Die Verlängerung oder Verkürzung des Ruderblatts um15 cm kann in einem Lauf bis zu 2 km Vorsprung bedeuten…“ Als wolle er uns beweisen, dass er die reine Wahrheit sagt, fügt er hinzu: „In Valencia wurde der Rumpf der Alinghi sieben Mal geändert, bevor wir vollständig zufrieden waren.“

Ganzen Berich in der Sommer-Ausgabe von Skippers mit interview von Grant Simmer und Bertrand Cardis

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