„Es war extrem knapp“. Der frühere Tornado-Segler Pierre Pennec, der diesen Winter nach dem Wechsel von Yann Guichard zu Alinghi vom Grosssegeltrimmer zum Steuermann befördert wurde, kann es noch immer kaum fassen. „Vor allem Dean Barker und Terry Hutchinson haben immer mehr Druck gemacht und sich in den wichtigen Momenten gesteigert. Das zeichnet eben Weltklassesportler aus“, meint er beeindruckt.
Barker? Hutchinson? Bis vor einigen Monaten wussten sie kaum, wie das Trampolin eines Mehrrümpfers aus der Nähe aussieht. Der America’s Cup steckt im Umbruch, die älteste Sporttrophäe der Welt wird künftig auf zwei Rümpfen gesegelt und einige der Titelanwärter sammeln an der Extreme-40-Meisterschaft, die auf 12,20 m langen und 7 m breiten Einheitsbooten mit einer Vorwindsegelfläche von 153 m2 ausgetragen wird, schon einmal erste Erfahrungen.

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Die Show-Regatten der Extreme Sailing Series finden in Ufernähe, das heisst direkt vor den Augen der Zuschauer, Sponsoren, ihrer Gäste und den Fernsehkameras statt, geben aber die Match-Racing-Situationen nicht wirklich wieder. „Beim Match Race ist man voll auf seinen Gegner konzentriert“, erklärt Barker. „Bei den Stadium Races der Extreme 40 werden aber sehr kurze Schläge gesegelt und man kämpft eigentlich eher gegen den Kurs. Wahrscheinlich konzentriert man sich da auch weniger auf die Konkurrenten als auf die eigene Leistung.“ Doch wer von etwas weiter weg komme als die anderen Herausforderer, wie Barker es ausdrückt, der habe noch viel zu lernen. „Bei jeder Rennsituation, sei das bei einem Backbord-Steuerbord-Manöver, einer Halse oder einer Bojenrundung, erfahren wir mehr darüber, was auf einem Mehrrümpfer möglich ist und was nicht.“
Crash-Kurs im Mehrrumpfsegeln
Das schwedische Syndikat Artemis hat gleich zwei Extreme-40-Katamarane angeschafft, auf denen es mehrere Match-Race-Trainingswochen in Miami und danach im Sultanat Oman absolviert. Team New Zealand hingegen übt an den Trapezen von Sportkatamaranen der Class A oder Formel 18. Die Neuseeländer werden dieses Jahr abwechselnd mit den Extreme-40-Regatten den Circuit der AC45 bestreiten. Bei diesen One Design Flügel-Katamaranen handelt es sich um Testboote für den nächsten America’s Cup im Massstab 1:2. Es stellt sich die Frage, ob die Challenger, die auf die Extreme Sailing Series verzichten, wirklich etwas verpassen. Barker hat da eine klare Meinung: „Diese Meisterschaft zu segeln ist bestimmt von Vorteil. Und jeder Vorteil, den man gegenüber den Gegnern gewinnen kann, ist besser als nichts. “
Mark Turner, der Veranstalter der Extreme Sailing Series, ist sowieso erleichtert, dass sich nicht alle Challenger auf die Regatten gestürzt haben. Natürlich stärkt die Teilnahme der beiden Challenger und auch der Teams mit einer starken Cup-Kultur (Alinghi oder Luna Rossa) die Glaubwürdigkeit und die Bekanntheit der Tour, eine zahlenmässig grössere Beteiligung hätte sie aber nur geschwächt, zumal die Syndikate des 34. America’s Cups im nächsten Jahr anderweitig beschäftigt sein werden. Turner glaubt nicht, dass die AC45 und die Extreme 40 wegen ihrer Programme zu Rivalen werden. „Wir starten keinen Frontalangriff, auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, dass wir den gleichen Sponsor oder die gleiche Gaststadt umwerben. Unsere Konkurrenz ist eher bei grossen Volkssportanlässen wie Marathonläufen oder Velorennen zu suchen. Auch die Budgets der Extreme 40 und der AC45 sind nicht vergleichbar. Ich wüsste nicht einmal, was ich in unserem Schema mit zehn AC45 anfangen sollte. Sie brauchen allein für den Transport von einem Austragungsort zum nächsten vier Container. Bei uns beträgt der finanzielle Aufwand für den Transport mehrere zehntausend Euro, bei ihnen sind es mehrere hunderttausend Euro.“
Vollgepacktes Programm
Der Deutsche Roland Gäbler, Präsident der internationalen Klassenvereinigung der Tornados und Steuermann von Team Extreme, empfindet das Nebeneinanderbestehen der AC45 und der Extreme 40 als „too much“, aber nicht als gefährlich. „Wenn die Skipper des Cups unsere Tour im nächsten Jahr verlassen, werden Neue hinzukommen, entweder Match-Race-Spezialisten oder olympische Medaillengewinner“, so seine Einschätzung. Die Organisatoren haben beschlossen, zusätzlich zu den elf in Oman anwesenden Teams (gegenüber acht im letzten Jahr) drei Wild Cards zu vergeben. Am zweiten Event Mitte April im chinesischen Qingdao soll zudem ein spanisches Team zur Flotte stossen.
Nicht nur die Flotte, auch das Regattaprogramm ist massiv gewachsen. Aus den fünf Events des Vorjahrs sind mittlerweile neun geworden. Die Extreme 40 werden auf drei Kontinenten – in China, in der Türkei und in den USA – segeln. Gitana mobilisiert seine Männer dieses Jahr ganze 107 Tage für Regatten, Transfers und Trainings. Auch die Crewmitglieder von Alinghi (6. in Oman) sind voll beschäftigt, denn sie bestreiten neben den Regatten der Extreme 40 auch die der D35 auf dem Genfersee und vor der französischen Côte d’Azur. „Die Programme sind miteinander vereinbar“, versichert Skipper und Taktiker Tanguy Cariou, „obwohl Mai und September schwierig werden.“ Einzig Yann Guichard wird nicht an Bord der D35 anzutreffen sein, denn dort übernimmt Ernesto Bertarelli das Steuer. Dafür bleibt dem Viertplatzierten der letzten Route du Rhum genügend Zeit, für die Meisterschaft der neuen Hochsee-Trimarane MOD70 das nötige Geld aufzutreiben.

