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Weymouth, wir kommen!

von Quentin Mayerat

Enrico De Maria: Enrico De Maria ist der Vorschoter auf Flavio Marazzis Starboot. Er wurde 1976 geboren und segelte schon als kleiner Junge mit seinen Eltern. Als Mitglied des Teams Alinghi gewann er 2003 den Louis Vuitton Cup und 2003 und 2007 den America’s Cup und wurde Weltmeister in der Farr-40-Klasse. Seine eindrückliche Erfolgsbilanz im Starboot, darunter zwei olympische Top-5-Plätze, zwei Vizeweltmeistertitel und eine EM-Goldmedaille, machen ihn zu einem der qualifiziertesten Schweizer Segler. © Juerg Kaufmann

Flavio Marazzi: Flavio Marazzi segelt seit seiner Kindheit und gewann die erste Regatta mit zehn Jahren. Bereits als 16-Jähriger war er zusammen mit seinem Bruder erfolgreich im Starboot unterwegs. Heute, nach 15 Jahren intensiver Trainings- und Regattaerfahrung, gehört Flavio Marazzi zur Weltspitze und ist eine der grössten Schweizer Olympiahoffnungen. Nach einem 15. Platz in Sydney, einem 4. Platz in Athen und einem 5. Platz in Peking bestreitet er in London bereits seine vierten Spiele. © Juerg Kaufmann

Anfang Juni hat sich die Schweizer Olympiadelegation in Genf und Zürich offiziell vorgestellt. Danach ging es direkt ins Sommerquartier nach Weymouth, wo noch ein letztes Mal an der Vorbereitung gefeilt wird und Ende Juni die ersten Regatten starten. Tom Reulein betonte bei der Präsentation nochmals das Ziel seiner Schützlinge. „Jeder Athlet soll in Weymouth die Regatta seines Lebens segeln!“, sagte der Delegationschef des Swiss Sailing Teams. Vincent Hagin, der Präsident von Swiss Sailing, gab den Athleten den folgenden Ratschlag mit auf den Weg: „Ihr müsst mehr als nur euer Talent beweisen, ihr müsst herausragend sein.“

Nathalie Brugger : Nathalie kam mit acht Jahren zum Segeln. Sie hat seit ihrem 11. Lebensjahr schon über zwanzig Europa- und Weltmeister-schaften in den Klassen Optimist, 420er, 470er und Laser Radial bestritten. Dabei konnte sie in den vier Ein- und Zweihandbooten sowohl als Steuerfrau als auch als Vorschoterin viel Erfahrung sammeln. Ihr olympisches Diplom (6.) in Peking ist der bisherige Höhepunkt in der Sportlerkarriere der 23-Jährigen. © Juerg Kaufmann

Sechs gegen neun

Fünf Segler und eine Seglerin werden die Schweizer Farben an den Olympischen Spielen 2012 in London vertreten. Nach einem schonungslosen, sechsmonatigen Auswahlverfahren hat Swiss Olympic Flavio Marazzi/Enrico De Maria (Star), Nathalie Brugger (Laser Radial), Richard Stauffacher (RS:X) und Yannick Brauchli/Romuald Hausser (470er) selektioniert. Sechs weitere Regatteure – die Lasersegler Guillaume Girod, Christoph Bottoni und Christian Steiger, die Hasler-Schwestern (470er) und Manon Luther (Laser Radial) – hatten das Nachsehen. Der Dachverband verfolgte von Anfang an eine klare Linie und unterstütze nur Sportler, die an ihrer WM oder an der olympischen Woche in Hyères unter die ersten zwölf Nationen gefahren waren. Einzig für den 470er der Männer wurde eine Ausnahme gemacht. Brauchli/Hausser erreichten eine Platzierung in den Top 15, da es sich aber um Nachwuchsathleten handelt, dürfen sie nach London, um dort wertvolle olympische Erfahrungen für ihre weitere seglerische Laufbahn zu sammeln.

Richard Stauffacher : Der 1982 geborene Richard Stauffacher ist eines der erfahrensten Mitglieder des Swiss Sailing Teams. Für ihn ist London bereits die dritte Olympiateilnahme. In Athen wurde er 24., in Peking 14. Er besitzt einen Master in Buchhaltung und Finanzwesen und hat auch sonst mehrere Eisen im Feuer. Sein Ziel für Weymouth ist ein Diplom – mindestens! © Juerg Kaufmann

Mit Enttäuschungen umgehen

Guillaume Girod, der in Perth für die Schweiz einen Quotenplatz im Laser geholt hatte und von Vincent Hagin als „Newcomer des Jahres“ bezeichnet wurde, erhielt für London kein Ticket. Er war zu weit von den Selektionskriterien entfernt. Enttäuscht sagte der Hoffnungsträger des Sailing Team SNG: „Ich bin der Ansicht, dass mein Projekt noch eine Chance verdient gehabt hätte. Ich werde die Zeit anderweitig nutzen und das Abschneiden der Schweizer mitverfolgen. Ich wünsche ihnen, dass sie eine Medaille mit nach Hause nehmen. Obwohl es diesmal nicht geklappt hat, mache ich weiter und trainiere für Rio 2016. Wie, weiss ich noch nicht genau, aber in welche Richtung schon.“

Realistische Ziele

Rechnet man die Coaches ein, kann das Team elf Olympiateilnahmen vorweisen. Die Neulinge werden bestimmt von dieser Erfahrung profitieren. Für Yannick Brauchli und Romuald Hausser ist mit der Teilnahme ein Traum in Erfüllung gegangen. Sie wissen aber, wo sie stehen und sind sich bewusst, dass ihnen noch ein langer Weg bevorsteht, bevor ein Platz in den Top Ten realistisch ist. Die beiden Talente hoffen dennoch, unter die ersten 15 zu segeln. Mit einem solchen Ergebnis könnten sie ihre noch sehr junge Karriere auf einer guten Basis weiterverfolgen.

Nathalie Brugger, die als 6. mit einem olympischen Diplom aus Qingdao nach Hause zurückgekehrt war, will es nochmals wissen: „Ich habe beschlossen, nach China weiterzumachen, weil ich dieses Mal noch besser abschneiden will. Allerdings haben zehn Seglerinnen echte Siegeschancen. Wahrscheinlich wird die mentale Stärke extrem wichtig sein. Ich arbeite darauf hin, dass ich im entscheidenden Moment in Topform bin.“

Yannick Brauchli hat als Siebenjähriger auf einem Optimist mit dem Segeln begonnen und in dieser Klasse auch schon zwei WMs bestritten. Danach wechselte er zum 470er, auf dem er seit 2009 mit Romuald Hausser ein Team bildet. Wie in seiner Juniorenzeit stellte sich auch auf dem 470er sofort der Erfolg ein, weshalb er 2010 beschloss, sich auf den Spitzensport zu konzentrieren. © Juerg Kaufmann

Romuald Hausser startete 2003 im Club Nautique de Versoix in der 420er-Klasse mit dem Regattasegeln. Anschliessend trat er dem Centre d’Entrainement à la Régate de Genève (CER) bei, segelte dort schwerpunktmässig auf Surprise und nahm 2008 und 2009 auch an der Tour de France à la Voile teil. Seit dem Sommer 2009 bildet er zusammen mit Yannick Brauchli ein 470er-Team und gehört dem B-Kader des Swiss Sailing Teams an. © Juerg Kaufmann

Das Aus für das Starboot und das Windsurfen

Für das Schweizer Starboot-Team, das bereits zum vierten Mal bei Olympia mit dabei ist und in Athen nur knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt war, ist es die letzte Chance auf eine Olympiamedaille, denn das Starboot ist ab Rio 2016 nicht mehr olympisch und wird auch nicht durch ein anderes Zweimann-Kielboot ersetzt. Flavio Marazzi will sich aber nicht unter Druck setzen. „Es ist meine vierte Olympiakampagne, ich denke, das reicht, egal, wie sie ausgeht. Ich habe weder mehr noch weniger Druck. Unser Ziel ist klar: Wir wollen eine Medaille, wenn möglich die goldene.“

In der gleichen Situation ist auch Richard Stauffacher, der bereits zweimal Olympialuft geschnuppert hat. Die ISAF will das Windsurfen in Rio durch das Kitesurfen ersetzen. Und auch Stauffacher setzt sich durch diese Entscheidung keinen zusätzlichen Druck auf, genauso wenig wie er in Bezug auf die Zukunft spekuliert. Er gibt sich pragmatisch: „Mein Ziel ist London 2012, darauf konzentriere ich mich auch. Die Tatsache, dass es womöglich das letzte Mal ist, dass Windsurfen im olympischen Programm ist, bringt mich nicht aus dem Konzept. So weit blicke ich nicht nach vorne. Ausserdem scheint mir die Entscheidung der ISAF diskutabel und es könnte sich durchaus noch etwas ändern.“

Ob die Schweizer Segler endlich die langersehnte Medaille gewinnen, wird sich zeigen. Das Potenzial haben sie, aber das gewisse Etwas, das man für den ganz grossen Erfolg braucht, fehlte in der Vorbereitung noch. Vielleicht liegt das aber daran, dass sie ihre Energie für den grossen Tag sparen. Das wagen wir zumindest zu hoffen und es wäre angesichts der Besonderheit der Olympischen Spiele auch durchaus nachvollziehbar.

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