Wie ein gieriger Pflug, der sich durch nichts aufhalten lässt, teilt der Bug der Goya die See und hinterlässt eine breite Spur auf der sonst so glatten, fast zu stillen Wasseroberfläche. Die Ruhe ist schon fast suspekt und die aufkommende Skepsis tatsächlich berechtigt. Nicht immer ist die Sulusee so friedlich. Wenn das Ungeheuer erwacht, sich zwei Meter hoch aufbäumt und wie ein schnaubendes Pferd die Gischt spitzen lässt, rät Schiffskoch Bongbong seinen Passagieren, sich ein paar Scheibchen Ingwer in die Backentaschen zu stecken, um sich nicht Magen, Eingeweide und die Seele aus dem Leib zu kotzen. Der Smutje schwört bei Gott, dass dieses Rezept tausend Mal mehr wert ist als alle Medikamente der Welt. Unsere Goya, die mit ihren beiden langen Schwimmern ein bisschen an ein Kinderfahrrad mit Hilfsrädern erinnert, gehört zu den Bancas, jenen traditionellen Auslegerbooten, die sich seit Menschengedenken ihren Weg durch das Labyrinth der Südseeinseln bahnen. Obwohl die Segel mittlerweile durch einen Dieselmotor ersetzt wurden, hat sich auf der Goya nicht viel verändert und der gebotene Komfort ist ziemlich rudimentär. Für die Gäste wurden auf dem Vorderdeck ein Esstisch angebracht und im Schiffsbauch vier Passagierkabinen eingerichtet. Als Türe oder Treppe dient eine einfache, für philippinische Körpermasse gedachte Luke, die so manch schwergewichtigem Amerikaner den Schweiss auf die Stirn treiben dürfte. Die Goya ist eines der wenigen Tauchboote, die sich zu den winzigen, irgendwo in der blauen Sulusee verlorenen und fast unbekannten Cayagan-Inseln verirren. Lange Zeit konnte man sogar bei Wikipedia keine Informationen über diesen kleinen Archipel finden. Die grössten Inseln heissen Cagayancillo, Tanusa, Manukan, Cavili und Calusa. Gemäss der letzten Volkszählung leben dort rund 6‘500 Einwohner. Viel mehr gibt es dazu auch nicht zu erzählen.
Papageienfische und Konsorten
Über der Insel mit ihrem undurchdringlichen Vegetationsgürtel geht die Sonne auf. Jeden Augenblick könnte am Strand ein Schiffbrüchiger mit wildem Haarwuchs und irrem Blick auftauchen, auf die Knie fallen und uns anbetteln, ihn in die Zivilisation zurückzubringen. Aber gar nichts passiert. Nur ein paar Winkerkrabben wehren sich gegen die auf dem Sand auslaufenden Wellen.
Nonoy, ein Tauchmaster mit 4‘000 ausgewiesenen Tauchgängen, übernimmt das Briefing. Er streckt uns eine weisse Tafel hin, auf die er ein Mittelding zwischen Libellenlarve und Stachelschwein skizziert hat, von dem er aber steif und fest behauptet, dass es sich um einen Hai handelt. Zeichnen fällt schwer, wenn einem der halbe Zeigefinger fehlt. Die Haie sind dafür nicht verantwortlich. Vielmehr hatte er im Alter von 9 Jahren einen Ballonfisch gefunden und nichts Besseres zu tun, als ihm seinen Zeigefinder ins weit geöffnete Maul zu stecken. Bei uns stecken die Kinder ihre Finger in Steckdosen, auf den Philippinen enden sie stattdessen in den Mäulern hungriger Fische. Die meisten vom GPS angezeigten Tauchparadiese tragen die nicht sonderlich romantischen Namen C12, C15 oder C36. Gorgonia Garden bildet zum Glück eine Ausnahme. Bei diesem Tauchspot handelt es sich um einen unendlich langen, überhängenden Felsen, unter dem der Taucher inmitten riesiger, windschirmgrosser Fächerkorallen von einer leichten Strömung sanft vorangetrieben wird. Mächtige Vasenschwämme tauchen in der Ferne auf und schwimmen dann ganz gemütlich an uns vorbei, während sich die Lederkorallen aus der Gattung der Blumentiere wie prächtige Blumensträusse im Wasser bewegen. Angelfische, Zackenbarsche und Wimpelfische schlängeln sich zwischen den wie Quecksilberkügelchen über die Felsen rollenden Luftblasen der Taucher hindurch. Zehn Meter weiter unten verdrückt sich eine Schar Papageienfische und verlässt die von den Korallen ausgestossenen Kalkabsonderungen, die aussehen wie bei Flugschauen abgesonderte Kondensstreifen. Die drolligen Fische verhalten sich wie die Bisons in den Great Plains. Sie schwimmen in kompakten Gruppen aus rund zwanzig Tieren durchs Wasser und weiden das Riff bald hier bald da nach reichhaltigen Korallenstücken ab, die sie von Zeit zu Zeit selbst mit heftigen Kopfstössen abbrechen. Ihrer Verfressenheit verdanken wir die mit blendendweissem, feinem Sand überzogenen Strände der Südsee, die von den Feriengästen unmöglich genügend gewürdigt werden können. Dieser angenehme Tauchspaziergang endet mit dem Besuch einer Schar junger, heranwachsender Barrakudas, die hier einen Moment innehalten, um in der Stille des Korallenriffs Kraft zu tanken, bevor sie ins weite Meer zurückkehren. Dort warten ihre Feinde mit gefährlich mahlenden Kiefern. Grosse Fische sind hier jedoch kaum anzutreffen. Nonoy scheint einen kurzen Augenblick lang furchtbar aufgeregt und weist mit seinem Fingerstummel auf ein paar in der Ferne durch das trübe Blau gleitende Schatten. Die Hand wie eine Flosse an die Stirn gesetzt will er uns klarmachen, dass es sich um Haie handelt (zweifellos Weisspunkthaie), aber der Schatten ist viel zu ungenau und zu schnell vorüber, um uns wirklich zu beeindrucken. Auch die in der Ferne erkennbaren Napoleonfische erweisen sich als übervorsichtig und nehmen zur Sicherheit weite Umwege auf sich.
Alle diese Lebewesen haben unter der jahrzehntelangen intensiven und zerstörerischen Überfischung gelitten. Ihre Angst vor dem Menschen hat sich auf die jungen Generationen übertragen, obwohl Dynamit, Cyanid-Einsatz und Muroami-Fischerei (Zerstörung der Korallen um die Fische in die Netze zu treiben) mittlerweile verpönt sind. Als ehemaliger Fischer hat auch Nonoy diese abscheulichen Praktiken angewendet, musste dann aber feststellen, dass sich wesentlich mehr Geld verdienen lässt, wenn man Touristen durch die Tauchspots führt, um ihnen die lebenden Fische zu zeigen. Aus seiner Zeit als Fischer sind ihm nur eine Anzahl Anekdoten sowie eine eindrückliche Narbe am Unterarm geblieben. Er hatte einen mehr als 100 kg schweren Fuchshai gefangen, der – einmal im Boot – um sein Leben kämpfte. Ein heftiger Schwanzhieb traf den Arm eines Kollegen mit voller Wucht, wobei das Messer durch die Luft segelte und in Nonoys Unterarm endete. Ein anderes Mal wäre er beinahe ertrunken, als ein von der Seilharpune getroffener Hai ein paar Minuten unter der Wasseroberfläche verschwand, um plötzlich wie ein Torpedo aufzutauchen und das Boot zu durchschlagen. „Der Kopf des Hais bohrte sich durch den Boden der Barke, ich stiess ihn mit einem Fusstritt zurück und das Wasser schoss in einem Schwall durch das Loch in die Höhe!“, erinnert sich Nonoy lachend. Beim Gedanken an den Tag, als sein Baroto (eine kleine Segelpiroge) Wind und Wellen zum Opfer fiel und kenterte, während er sich noch auf dem offenen Meer zwischen der Insel Negros und den Cagayan-Inseln befand, ist ihm schon weniger zum Lachen zumute. Damals war er sechzehn Jahre alt und besass nicht einmal eine leere Kokosnuss, um das Wasser auszuschöpfen. Alles, was er hatte, war ein am Morgen geangelter Tintenfisch. Diesen versuchte er am nächsten Tag roh zu essen, wogegen sein Magen allerdings rebellierte. Nachdem er sich zwei Tagen ohne zu essen und zu trinken an sein mit Wasser gefülltes Boot geklammert hatte, entdeckte er in der Ferne das schwache Licht eines Fischerbootes. Er konnte jedoch erst am nächsten Morgen gerettet werden, nachdem er sich unter Einsatz seiner letzten Kräfte mit seiner Nussschale dem Fischerboot genügend genähert hatte. „Jedes Jahr verschwinden viele junge Leute auf diese Weise auf dem Meer. Ich habe damals begriffen, dass Fischen nicht wirklich mein Ding war und liess mich etwas später in einem Hotel in Sipalay als Strandpfleger anheuern. Mit meinem Lohn konnte ich mir eine Ausbildung zum Taucher leisten.“
Tauchgänge in Serie
Nonoy hat es geschafft, sich von Fangleinen und Fischernetzen loszusagen. Andere haben jedoch keine Wahl. Sie kommen häufig von Palawan oder Negros und fischen illegal im Cagayan-Archipel, der seit 1998 als Meeresschutzgebiet eingetragen ist. Die Überwachung dieses Reviers ist sehr schwierig. Auf Cagayancillo, der grössten Cagayan-Insel, befindet sich seit Kurzem eine Küstenwache. Die zwei oder drei von der Behörde beschlagnahmten illegalen Fischerboote gammeln seither im Schlamm vor dem rissigen Betonquai vor sich hin. Vor rund dreissig Jahren hatten ein paar Bewohner von Cagayancillo mit dem Anbau und dem Verkauf von Cotoni- (Euchema Cotonii) und Spinosum-Algen (Euchema spinosum), die zur Produktion von Geliermitteln eingesetzt wurden, viel Geld verdient. Der Einsatz von Cyanid in der Fischerei hat dieses einträgliche Geschäft jedoch zunichte gemacht. Seit die Cyanid-Fischerei verboten wurde, können die Algen wieder gedeihen, was viele Insulaner dazu veranlasst eigene Algenkulturen aufzubauen. Analyn, der Besitzer eines kleinen Lebensmittelladens, hat zu Jahresbeginn 28 kg Cotoni-Algen gekauft, um sie etwas weiter draussen auf dem Meer anzubauen. Zwei Monate später konnte er bereits 70 kg getrocknete Algen ernten. „Die Preise sind in den letzten 30 Jahren gesunken und reichen nicht mehr zum Überleben, aber es ist ein kleiner Zustupf. Der lokale Händler bietet nur 30 Pesos pro Kilo, aber ich habe über das Internet einen Abnehmer gefunden, der 80 Pesos pro Kilo bezahlt“, sagt Analyn. Das Internet konnte sich offenbar sogar mitten in der Sulusee durchsetzen…
An den steilen Unterwasserhängen folgt ein Tauchspot dem nächsten. Während sich die Haie wie verschreckte Jungfrauen benehmen, sind die Schildkröten wesentlich zutraulicher und lassen eine direkte Annäherung zu. Barrakudaschwärme bilden Kreise oder Ovale, Drückerfisch-Schwärme explodieren in der Nähe der Taucher wie blaue Wolken und Adlerrochen schweben durch Wasser, als erwarte sie ein Schäferstündchen. Wir entdecken sogar eine Krake, die von Weiss zu Rot und von Rot zu Weiss wechselt und die niemand anzulocken wagt. Schuld ist eine von Nonoys Anekdoten. Er erzählte uns, wie ein Fischer ohne Tauchgerät versucht hatte einen Tintenfisch zu fangen und von dessen kräftigen Tentakeln am Boden festgehalten wurde. Als er am nächsten Morgen ertrunken aufgefunden wurde, war sein Körper mit Saugmalen des Kopffüsslers übersät.
Am letzten Abend legen wir an der Insel Boombog an. Sie ist kreisrund, als wäre sie mit einem Zirkel erschaffen worden. Die im Zentrum gepflanzten Kokospalmen sind von einem Band aus goldgelbem Sand umgeben. Ein traumhafter Anblick! Während der sternenübersäte Himmel regelmässig im immer wieder auftauchenden Wetterleuchten untergeht, gart ein grosser Lippfisch über dem Holzfeuer. Gäbe es da nicht die grossen Palmratten, die ständig zwischen unseren Beinen herumwuseln und uns mit ihren roten Augen neckisch, aber auch misstrauisch betrachten, wäre unser Glück perfekt.

